Im Reich der Mitte

Im Reich der Mitte

Im Mai 2012 war Heinz-Joachim Schulte von der MATEC® Services für einen Inbetrieb­nahme-Einsatz der Gehring Technologies GmbH in Chongqing in China. Chongqing ist mit ca. 32 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt.

Gehring Technologies GmbH ist seit 1926 Spezialist für Hon-Technologie. Eine Tech­no­logie, die 1923 das erste Mal von amerika­nischen Automobilbauern eingesetzt wurde. „Honen“ ist ein Verfahren, bei dem die Innen­flächen von zylindrischen Metallkörpern bearbeitet werden. In unserem Fall werden die Innenflächen der Zylinder in einem Auto-Motor so aufgearbeitet, dass das Öl besser an den Zylinderwänden haften bleibt. Wären die Innenflächen glatt, würde das Motoröl ungebremst hinunterlaufen, ohne dass dabei Öl an der Lauffläche haften bliebe und der Zylinder somit trocken laufen würde.

Kunde von Gehring war „Changan Auto­­mobile“, einer der größten Automobil-Her­steller in China.

Schon die Landung am Flughafen Peking war beeindruckend. Während man bei der An­­kunft am Flughafen Stadt oder Land sieht, sieht man in Peking nur Flughafengelände.

Ca. 10 Minuten dauerte es mit dem Zug, um von einem zum nächsten Terminal zu kommen. Und Chongqing, der Ort an den ich musste, liegt ungefähr 1.800 km von Peking entfernt. Das entspricht nahezu einer Strecke von Köln bis Sizilien.

Die Flughafenumgebung war noch vertraut, aber alles danach war ein Eintauchen in eine völlig fremde Welt. Man kann nichts lesen und die meisten Menschen können einen nicht verstehen, bis auf ganz wenige Personen, die englisch sprechen. Zusätzlich haben die Chinesen Schwierigkeiten mit dem L und dem R. Diese Buchstaben fehlen dann natürlich auch im chinesischen Englisch, was die Verständigung nicht unbedingt erleich­tert. Nach ca. 14 Tagen lernte ich, zu meinem Glück, die Dolmetscherin von Changan Automobile kennen, die Deutsch mit schwäbischem Akzent sprach.

Das Motorenwerk von Changan liegt ungefähr 40 km vom Stadtkern Chongqing’s entfernt. Es ist ein neues Werk, welches man vor ungefähr 2 Jahren auf der grünen Wiese angefangen hat zu bauen. Nach kompletter Fertigstellung werden hier ca. 20.000 bis 30.000 Menschen arbeiten. In unmittelbarer Nähe zum Werk befinden sich bereits 30 Wohnblöcke mit jeweils 40 Stockwerken – weitere sind noch im Bau.

Metropole Chongqings
Metropole Chongqings

Die Aufgabe der Gehring-Anlage ist es, 3- und 4-Zylinder-Motoren zu honen. Sie ist Teil einer Linie, die einen Zylinderblock voll automatisiert bearbeiten kann.

Unterstützt wurde ich vor Ort von den chinesischen Kollegen der Gehring-Niederlassung Shanghai. Weitere Unterstützung erhielt ich von Gehring-Mitarbeitern in Deutschland, und das nicht nur telefonisch. Was ich an Material benötigte, wurde per Eilkurier verschickt, was aber aufgrund der Entfernung immer noch 3 Tage dauerte. Jeder verantwortliche Gehring-Mitarbeiter setzte sein Möglichstes ein, um uns vor Ort zu unterstützen. Das sind unter anderem die Stärken von Gehring Technologies, die der Kunde positiv erfährt.

Im Reich der Mitte

Als nach 2 Tagen das erste Mal das Werkzeug in den Zylinder-block fuhr, war die Freude natürlich groß. Die Vorabnahme beim Kunden, wieder 2 Tage später, wurde mit Bravour gemeistert. Ich habe im Leben schon viele Produktionsprozesse gesehen, aber so einen stabilen Prozess, wie der Hon-Prozess von Gehring, nur selten. Ich kann daher auch verstehen, warum Gehring Markt­führer ist.

Im Herstellerwerk waren wir immer von Mitarbeitern des Kunden umgeben. Es war schon manchmal kurios, plötzlich wie aus dem Nichts standen auf einmal 20 Operator um einen herum. Die Leute waren sehr interessiert und haben uns regelrecht mit Fragen bombardiert.

Ich habe festgestellt, dass im Vergleich zu Deutschland immer genügend Mitarbeiter greifbar sind. Falls keine Arbeit vorhanden ist, setzen Sie sich an einen großen Tisch und warten, bis jemand für sie Arbeit hat. Teilweise warteten ca. 60 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf zugewiesene Arbeit.

Überraschend für mich war das hohe handwerkliche Geschick und die Fähigkeit zum Improvisieren. Besen wurden aus einem Stock und Gestrüpp oder aus Plastikstreifen, die wir als Verpackungsmaterial gebrauchen, gebaut. Wenn man die 6 m hohe Hallendecke streichen will und man hat kein Gerüst, dann muss halt eine 5 m lange Pinselverlängerung helfen.

Im Reich der Mitte
Im Reich der Mitte

Trotz der teilweise schwierigen Umstände des Alltags sieht man die Menschen viel lachen. Vom Grundsatz her haben sie eine positive Lebenseinstellung. Die Gastfreundschaft ist gewaltig. Als ich mit der Hotel-Managerin über meinen Souvenireinkauf sprach, hatte ich am anderen Tag einen Fahrer, die Chef­sekretärin sowie die Einkaufsleiterin des Hotels als Begleiter für meine Shoppingtour.

Vor allem ist hier der Unterschied zwischen arm und reich sehr deutlich zu spüren. Ein Operator verdient ca. 2.000 Yuan, umgerechnet ca. 250 Euro. Ein Ingenieur bekommt ca. 3.000 Yuan.

Ein eigenes Auto ist daher für die meisten Chinesen ein unerfüllbarer Traum. Aber sie wirken dadurch nicht unglücklich. Sie gehen meistens in großen Gruppen nach Hause, da die Wohnblöcke in der Nähe des Werkes sind. Dabei ist eine Lebensfreude zu spüren, die für uns Europäer unge­­­­­­­­­­­­­­­wohnt ist. Für die Menschen von außerhalb werden Pendler­busse eingesetzt.

China war eine positive Erfahrung für mich. Ein Land, das sich im Umbruch befindet und sich rasend schnell entwickelt. Diese Aufgabe wird mit positiv eingestellten Menschen und mit viel Optimismus angegangen. Dies war daher auch ein Grund für das erfolgreiche Gelingen dieser Inbetriebnahme. Meine nächste Aufgabe für Gehring ist die Inbetriebnahme einer Anlage für einen Kun­den in Valencia, Spanien.

Heinz-Joachim Schulte
Heinz-Joachim Schulte zusammen mit seinen chinesischen Kollegen der Firma Gehring

Heinz-Joachim Schulte ist seit ca. 2 Jahren als Inbetriebnahme- und Instandhaltungs-Spezialist für MATEC im Einsatz. Seine mehr als 30 Jahre Erfahrung im Umgang mit Maschinen in unterschiedlichsten Produktionsbereichen macht ihn zu einem un­­se­rer kompetentesten Technikern und Be­ratern. Unsere Kunden schätzen sein Fach­­­­wissen und seinen unerschütterlichen Willen, die Probleme vor Ort zu lösen. Seine Schwer­punk­te sind Elektro-Technik und Soft­ware. Sein Ziel ist es, eine Maschine bzw. eine Pro­­duktionslinie bis zu ihrer optimalen Produk­tionsleistung zu steigern. Er erarbeitet dafür Verfahren und Methoden mit seinen Kunden aus, die diese Leistungs-steigerung möglich macht.

MATEC. Ideen mit System.